Wir müssen uns vergessen können, zurücktreten, damit der andere in seiner Einmaligkeit bei uns wirklich ankommt. Wir müssen ihn einlassen können, ihn freigeben in seine Eigenart, die uns oft aufscheucht und zur schmerzlichen Verwandlung ruft.
Oft halten wir den anderen nieder: wir lassen bei uns nur das ankommen, was durch den Filter unseres eigenen, längst vertrauten Daseins hindurchgeht, was “uns liegt”; und so kommt zumeist nicht der andere bei uns an, das beglückende und rettende Geheimnis seines einmaligen Wesens, sondern immer nur wir selbst, und wir zahlen den Preis schmerzlich verzehrender Einsamkeit dafür, dass wir die Armut der Begegnung nicht gewagt haben, dass wir sie bloß zu einer neuen Gelegenheit verzweifelter Selbstbehauptung und Selbstanbetung gemacht haben.
Was uns dabei bleibt, ist ein Schatten unserer selbst, das höllische Gespenst jenes Wesens, das die Fülle und den Glanz seines Daseins nur findet, wenn es sich demütig dem anderen zu öffnen und um seinetwillen sich zu “verlieren” wagt. Herzensarmut ist gemeinschaftsbildend, denn das Geheimnis des Lebens erschließt sich nicht in der Selbstgefälligkeit, sondern der schöpferischen Gegenseitigkeit.
Johann Baptist Metz