Betrachtung über das Vergeben

“Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure
 Verfehlungen auch nicht vergeben.” (Mt6,15)

Einleitend eine Geschichte:

Der kleine Josef kehrte von der Schule heim. Aber an diesen Tag war er anders als sonst. Er warf die Schultasche in eine Ecke und war sehr schlecht gelaunt. So traf ihn der Vater an, der gerade in den Garten gehen wollte, und da er die Situation durchschaute, lud er ihn ein, mit ihm zu gehen. Josef ging mit und wollte loswerden, was geschehen war: “Am liebsten würde ich ihn umbringen!” schoss es aus ihm heraus. “Wen denn? Was ist geschehen?” - “Den Werner. Schon wieder hat er mich vor allen anderen bloßgestellt! Ich werde es ihm noch heimzahlen. Diesmal gibt es kein Verzeihen mehr! Ich halte ihn nicht mehr aus! Alle haben über mich gelacht.”

Der Vater blieb ganz ruhig und hörte seinem Buben zu. Und als Josef alles ausgesprochen hatte, was ihm das Herz so sehr bedrückte, machte er ihm folgenden Vorschlag: “Ich habe eine gute Idee. Siehst du das weiße T-Shirt, das dort am Wäschetrockner hängt? Denke dir, das sei der Werner. Hier hast du einen Sack voller Kohlen. Jedes Stück Kohle repräsentiert einen bösen Gedanken, den du ihm entgegenschleuderst. Ich will, dass du alle Kohlen auf ihn wirfst. Wenn du fertig bist, werde ich wieder kommen, und mir deine ,Arbeit’ ansehen.”

Sofort machte sich der kleine Josef ans Werk. Er dachte, es sei ein Spiel, und so warf er Kohle um Kohle voll Zorn in Richtung T-Shirt. Zwar verfehlten viele “schlechte Gedanken” ihr Ziel, aber es machte ihm Spaß. Als der Kohlensack leer war, kam der Vater, um sich die Arbeit anzusehen. “Na, wie schaut es denn aus? Bist du fertig?”, fragte er. “Ja”, war die Antwort, “ich denke, jetzt hat er einiges abgekriegt. Aber ich bin jetzt müde und habe großen Hunger.” - “Dann komm, gehen wir ins Haus,” lud ihn der Vater ein.

Wenn uns jemand schädigt, beleidigt, verleumdet, hintergeht, betrügt oder gar gewaltsam verletzt, leiden wir unter Umständen sehr daran und unsere Gefühlswelt wird in eine Situation versetzt, die sich individuell und auf verschiedene Arten auswirkt. Manch einer ist beleidigt, manch einer wird depressiv und ein anderer kann sich vor lauter Zorn nicht beruhigen. Man zieht sich zurück und will mit diesem bösen Menschen nichts mehr zu tun haben; der Stolz gewinnt unser Herz und verleitet es, das böse Vergehen der betreffende Person nicht zu verzeihen. Damit wird der verletzte Mensch zum Akteur vor Gott. Denn, wenn er es zulässt, dass Verbitterung in seine Seele eindringt oder Rachsucht sich in den Gedanken immer tiefer festsetzt, dass Depressionen sein Leben beherrscht, was dazu verleitet, dass seine Gedanken nur noch um diese Verletzungen drehen, dass der Zorn sich verbal oder tätig gegen den Mitmenschen gerichtet wird, dann handeln wir gegen die Nächstenliebe. Was andere angetan haben, mag Unrecht sein; aber wie reagieren wir selber? Sind wir fähig, den anderen in seiner Schwäche anzunehmen, ihn zu lieben und ihm zu verzeihen, oder zahlen wir mit derselben Münze zurück?

Wie steht es in der Heiligen Schrift geschrieben? „Selig die Barmherzigen, denn sie werden erbarmen finden!“ Warum nur sucht der Mensch erbarmen bei Gott und vergisst dabei, dass auch er den Schuldigern vergeben soll? Wie kann der Mensch dann noch aufrichtig beten: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern?

Selig die Barmherzigen… Ja Selig sind sie.

In unserem inneren Ringen um das Vergeben der erlittenen Beleidigungen und Kränkungen hilft Gott, wenn wir Ihn darum bitten. Seine Barmherzigkeit besiegt das hervorgerufene Schlechte und die Sündhaftigkeit der Gefühlen und Gedanken, womit wir Gott Raum geben, uns zu heilen und zu heiligen. Er führt uns zur Vergebung und hilft uns zu vergeben. Und somit ist die Vergebung eine Gnade Gottes, um die wir ihn bitten können und auch sollen. Vergebung versöhnt mit Gott, wie es bei Matthäus steht: “Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben” (Mt 6,14).

Und vergeben - dies schreibe ich aus eigener Erfahrung - bringt Frieden und Freude. Das Ende der Geschichte von Josef:

Zuhause angekommen ging Josefs Vater mit ihm ins Bad und liess ihn in den Spiegel schauen. Josef sah nur weisse Zähne und zwei Augen. Der Rest war von der Kohle schwarz geworden. Da erklärte ihm sein Vater: “Hast du das T-Shirt gesehen? Es wurde fast nicht schwarz, weil viele Kohlen ihr Ziel verfehlten. Aber du bist ganz und gar schwarz geworden. Das, was du dem Werner gewünscht hast, hast du dir selber angetan.”

Was nützt der Groll gegen einen Schuldner? Was nützt das Sich-Abwenden von einem Schuldner? All die aufgewühlten Gefühle schädigen nur die eigene Seele und letztendlich unser Heil bei Gott.

Gott liebt Sie.

Eine Reaktion zu “Betrachtung über das Vergeben”

  1. Anita

    Wer sagt: Ich vergebe dir der vergibt nicht unbedingt.
    Vergeben hat mit der inneren Einstellung zu tun.
    Vergeben ist nicht vergessen.

    Eine Geschichte dazu.

    Ein Schüler kam einst zu seinem Prediger und beklagte sich über die Menschen, die ihn in letzter Zeit beleidigt hatten oder unfreundlich zu ihm waren. Fast jeden Tag begegnen mir Menschen, über die ich mich aufregen muss, weil sie sich so dämlich verhalten, oder weil sie mich beleidigen oder mich verletzen klagte er.
    Der prediger ging kurz darauf ins Nebenzimmer umd kam mit einem Messer und einem Korb voll Kartoffeln zurück die er dem Schüler überreichte. Ich möchte, dass du an alle Personsn denkst die dich in letzter Zeit verletzt oder beleidigt haben. Dann ritze du mit dem Messer den Namen jeder einzelnen Person auf eine Kartoffel.Dem Schüler fielen schnell einige Namen ein, und nach kurzer Zeit hatte er mehrere Kartoffeln beschriftet. Gut sagte der Prediger hier hast du einen Sack. Gib deine Kartoffel da hinein und trage den Sackeine Woche lang überall mit dir. Dann komm wieder zu mir. Der Schüler tat wie der prediger ihm geheißen hatte.Anfangs empfand er das tragen des Sackes nicht als besonders schwierig. Aber nach einigen Tagen wurde der Sack immer lästiger außerdem begannen die angeritzten Kartoffeln zu stinken.Nach sieben Tagen begab sich der Schüler mit seinem Sack wieder zum Prediger. Hast du aus dieser Übung etwas gelernt? fragte dieser.Ich denke schon antwortet der Schüler. Wenn ich anderen nicht vergebe, trage ich diese Gefühle des Ärgers immer mit mir genau wie die Kartoffeln. Und irgendwann, verfault das Ganze auch noch. Also muss ich die Kartoffeln entfernen, indem ich meinen Mitmenschen vergebe, so wie es alle großen Weltreligionen predigen.Gut sagt der Prediger du kannst vergeben und so die Kartoffeln loswerden. Überlege bitte, welchen dieser Personen du vergeben kannst und entferne die entsprechenden Kartoffeln aus deinem Sack.Der Schüler dachte nach. Er vergab allen Personen und entfernte alle Kartoffeln.Der Prediger sagte ich möchte, dass du für alle die dich letzte Woche verletzt haben erneut Kartoffeln in den Sack gibst. Der Schüler erschrak, denn er erkannte solange irgentjemand etwas gegen ihn sagt oder gegen ihn handelt er immer Kartoffel im Sack hat.Der Prediger sagte zum Schüler. Das Problem ist, dass du nur an die Kartoffeln denkst und nicht an den Sack. Aber wenn die Kartoffeln deine negativen Gefühle sind was ist dann der Sack? Was passiert, wenn du den Sack loslässt? Dann ist das was die Leute gegen mich sagen oder tun kein Problem für mich.Richtig und in diesem Fall wirst du niemanden finden dessen Nam,en du in eine Kartoffel ritzen könntest. Dann gibt es nämlich nichts mehr, wofür oder wogegen du streben müsstest, sondern du bist eins mit dem Lauf der Welt.

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