Die Seligpreisungen II

seligpreisungen13.jpgDie Worte, mit denen Jesus seine Rede auf dem Berg beginnt, die Seligpreisungen, haben eine gewaltige Sprengkraft. Die Menschen, die Jesus selig preist, sind nicht diejenigen, die Macht und Einfluss haben und bereit sind, ihre Macht mit Gewalt durchzusetzen. Es sind auch nicht diejenigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit und Frömmigkeit überzeugt sind. Selig sind vielmehr diejenigen, die sich von Gott beschenken lassen, die Gottes Gerechtigkeit suchen und bereit sind, Barmherzigkeit zu üben, auch wenn die dafür selbst Schmähungen und Verfolgungen ausgesetzt werden. 

Wir können in den Seligpreisungen eine Parallele zu den Zehn Geboten sehen. Doch anders als diese sind sie nicht negativ oder auffordernd formuliert. Das in den Seligpreisungen geschilderte Verhalten setzt Jesus vielmehr fraglos für seine Jünger voraus, als eine selbstverständliche Wesenseinstellung des gläubigen Menschen. 

Ein zentrales Anliegen Jesu ist die Gerechtigkeit. Schon bei der Taufe hat Jesus zu Johannes gesagt. „Wir müssen die ganze Gerechtigkeit erfüllen.“ (Mt 3,15) Das Verhalten, das Jesus in den Seligpreisungen und der gesamten Bergpredigt aufzeigt, ist das eines gerechten Menschen. Wie es im Alten Bund das Ziel eines Menschen war, gerecht und gerade zu sein, so ist jeder, der so lebt, wie Jesus es voraussetzt, ein solcher gerechter Mensch. 

Die Seligpreisungen I (Mt 5,1-12)

seligpreisungen11.jpgIm vorherigen Kapitel haben wir knapp vom ersten Auftreten Jesu gehört, von seiner Lehre, von seinen Heilungen, von der Berufung der ersten Jünger. Wir haben gehört, welche Wirkung das Auftreten Jesu auf die Menschen hatte: viele sind Jesus gefolgt. Diese Vielen versammeln sich nun, um die erste große Rede Jesu zu hören. 

Jesus steigt auf einen Berg, um das Volk zu lehren. Das lässt uns an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten denken. Damals stieg Mose auf den Berg Sinai, um mit Gott zu reden, und er brachte vom Berg die Tafeln mit den Zehn Geboten für das Volk. Jesus zeigt sich als der neue Mose. Seine Lehre widerspricht nicht dem Gesetz des Mose. Vielmehr wird dieses von Jesus präzisiert und sein wahrer Gehalt wieder herausgestellt. 

Die seit dem 16. Jahrhundert gebräuchliche Bezeichnung „Bergpredigt“ kann leicht zu der Vorstellung verleiten, dass die Zuhörer Jesu still und andächtig seinen Worten gelauscht haben. Das wäre aber ein für orientalische Menschen eher untypisches Verhalten. Sicher haben die Worte Jesu Erstaunen und auch Widerspruch hervorgerufen und wir gehen nicht fehl, wenn wir uns vorstellen, dass die Zuhörer dies während der Rede zum Ausdruck brachten. Wir dürfen uns die Bergpredigt also als einen lebendigen Dialog zwischen Jesus und seinen Zuhörern vorstellen. 

Auch wir selbst dürfen unser Entsetzen und unseren Widerspruch gegen die Worte Jesu vorbringen, denn wer die Bergpredigt nur mit einem kurzen Nicken zur Kenntnis nimmt, hat wohl keines der Worte Jesu verstanden. Es sind Worte, an denen wir uns unser ganzes Leben lang reiben und immer wieder neu orientieren müssen, die immer wieder eine Anfrage an unser Leben stellen und uns immer neu zu einer Kurskorrektur aufrufen. Nur in der lebendigen Auseinandersetzung mit den Worten Jesu werden wir auch dem Ziel näher kommen, so zu leben, wie Jesus es von uns erwartet.